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Kannidos Teil 8: Familie

Sonntag, Juni 16, 2019 0
Kannidos umklammerte den Kunststoffkasten in seiner Manteltasche wie die Angst seinen Brustkorb. Wussten sie davon? Er musste sich weiter zurückziehen. Die Angst ließ ihn wieder los.
„Nein“, log Kannidos. Was würde jemand Unschuldiges, ein treuer Bürger der Guten Ordnung jetzt sagen? „Was ist das?“ „Ein Spion.“ „Ein Spion?“ „Wir haben ihn hier gefunden. Am Zentralverteiler.“ „Bitte?“ Kannidos musste seine Reaktion nicht vortäuschen. „Unsere Wohnung wurde ausspioniert? Damit?“ „Ja. Ich befürchte, alles wurde aufgenommen. Und ich befürchte wir werden das auswerten müssen, um herauszufinden, was die Täter gesucht haben könnten. Ganz professionell und mit aller gebotenen Zurückhaltung natürlich. Jedenfalls muss sich jemand Zugang zur Wohnung verschafft haben. Irgendwelche Ideen wer das geschafft haben könnte?“ „Nein“, antwortete er, als wäre das die absurdeste Frage, die ihm jemand hätte stellen können, „Ich glaube, das ist der Sinn von Spionage. Heimlichkeit.“ „Keine Gäste, die dafür in …

Kannidos Teil 7: Eindringling

Samstag, Juni 01, 2019 0
Kannidos war noch leicht benommen, als er am nächsten Morgen aus der Wohnung seines Lieferanten trat. Die Nacht hatte er auf dessen Sofa verbracht. Er steckte die Hände in die Manteltaschen und fand einen Zettel darin: Verwundert blickte er darauf, ehe er ihn wieder wegsteckte und den Heimweg antrat.
„Bin auf dem Weg. Will noch was zu Papier bringen“, antwortete er seinem Geliebten, als dieser fragte, ob er bald nach Hause komme.
In der Bahn schickte er seinem Rivalen die Kritik, die er fertig gebracht hatte, nachdem sein Lieferant eingeschlafen und die anderen Gäste gegangen waren. Gleichzeitig waren ihm einige Ideen für sein eigenes Werk gekommen: Mehr als er in den letzten Wochen zusammengebracht hatte. Wie so vieles entließ er auch seine Anspannung, die angestaute, für den Ernstfall bereitgehaltene Energie, in sein Schreiben.

Kannidos Teil 6: Vor Aller Augen

Freitag, Mai 17, 2019 0
Ein Augenbot surrte kaum hörbar durch den Gang der prall gefüllten Bahn. Kannidos fuhr ein kalter Schauer über den Rücken: Eine Überwachungsdrohne hatte er lange nicht mehr gesehen, schon gar nicht auf dem „flachen Land“, wo die Hochhäuser ein wenig niedriger und nicht ganz so dicht beieinander standen. Ob sie ihn suchten? 
Nervös schob er die Hände in die Manteltaschen und packte das kleine Spionagegerät, als wollte er sich vergewissern, dass es nicht fortlaufen könnte, um ihn zu verraten. Mit Glück würde er es heute loswerden: Es auch nur für ein paar Tage in seinem Arbeitszimmer aufzubewahren, hatte ihm ein mulmiges Gefühl gegeben, obwohl er genau wusste, dass sein Geliebter nie dort hineinging und schon gar nicht die Schubladen aufbrechen würde.
Er saß direkt vor dem Eingangsbereich der Bahn. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite der Tür, hatte eine ältere Dame Platz genommen und auf der rechten Seite des Ganges eine Mutter mit ihrem Kind, das nicht älter als zehn sein konnte. Der Vater stand daneben und hielt sich an einem Griff über seinem Kopf fest. Dort summte der Augenbot an ihm vorbei, scheinbar ohne einem der Fahrgäste besondere Beachtung zu schenken – oder sie ihm.

Kannidos Teil 5: Kunstfreiheit

Samstag, April 27, 2019 0
An der Tür stand Lektorat. Im Büro dahinter saß an ihrem Schreibtisch eine Frau, die jünger aussah als sie war. Sie trug eine Brille mit riesigen Gläsern und ein breites Grinsen. „Setzen Sie sich“, sagte sie, nachdem sie einander begrüßt hatten.
„Ist Ihnen kalt?“ Er hatte die Hände noch in den Taschen seines Mantels. Sie zitterten vor Anspannung.

Impfen aus Hass

Mittwoch, April 17, 2019 0
Impfen ist notwendig und die Erde ist keine Scheibe. Darüber gibt es gleichermaßen nichts zu diskutieren. Viel gäbe es aber darüber zu diskutieren, was aus Ersterem politisch folg. Allein: Die Impfbefürworter sind zu sehr damit beschäftigt, sich an der politisch irrelevanten Gruppe der Impfgegner abzuarbeiten, als dass sie sich darüber klar würden, dass es in ihren eigenen Reihen erheblichen politischen Dissens gibt – und keineswegs nur ausgemachte Menschenfreunde. Manchen Impfbefürworter treibt mehr der Hass um, der Wunsch Impfgegner und ihre Kinder zu bestrafen, als sie vor Gesundheitsschäden und vermeidbaren Todesfällen zu bewahren.

Kannidos Teil 4: Wiedergeburt

Samstag, April 13, 2019 0
Kannidos sprang auf, rannte ins Bad und übergab sich. Mit dem Klicken der Pistole war er zusammengezuckt. Ihm war nichts geschehen, das hatte er sofort gewusst. Aber sein Körper, der sich für eine große Anstrengung, für einen Überlebenskampf gerüstet hatte, war damit überfordert, dass nun … nichts geschehen war.
Die Frau stand hinter ihm in der Badezimmertür, während er sich halb auf dem Boden liegend mit krampfendem Magen über dem Porzellan hielt. Als er fertig war, stieß er sich von der Schüssel, nachdem er den Deckel geschlossen und gespült hatte. Der Geruch hätte ihn sonst noch einmal erbrechen lassen. Es dauerte einen Moment, ehe er sich vom Boden aufsammeln und mit zitternden Händen das Gesicht waschen konnte.
„Wer bist du?“, brachte er schließlich hervor.

Kannidos Teil 3: Erkannt

Samstag, März 30, 2019 0
Kannidos war schon wieder nüchtern, als er die Wohnung seines Lieferanten erreichte. 
Hier wurde Inspiration gewogen, verpackt und verkauft. Der Mann, der über die besonderen Fähigkeiten dafür verfügte, war gerade außer Haus und hatte sich ungewöhnlich einsilbig für „später“ angekündigt: Er müsse erst noch seine Vorräte aufstocken. Aber als treuem Kunden von Rang und Namen wurde Kannidos eine gewisse Vorzugsbehandlung zuteil: Die Wohnungstür erkannte ihn und entsperrte sich.
Aus der großen, quadratischen Wohnküche, die dahinter lag, drang ein Geruch, der Kannidos geradezu in Vorfreude versetzte.
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Auf der anderen Seite des Raumes ließ er sich auf das unnachgiebige Sofa nieder, das ihm schon so manches Mal Halt gegeben hatte, als er in sich zu versinken drohte. Gelangweilt zog er sein Telephon aus der Hosentasche und öffnete das neue, noch unveröffentlichte Buch seines erbittertsten Konkurrenten.
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