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Greta Thunberg, der Klimawandel und die soziale Frage

Die Debatte um Greta Thunberg nimmt zunehmend vergiftete Züge an. Von den mannigfachen Verleumdungen, Beschimpfungen und Herabsetzungen abgesehen, derer es wohl nur bedarf, weil erwachsene Männer im Internet einer 16-Jährige inhaltlich nicht beikommen. Besonderer Beliebtheit erfreut sich bei den Thunberg-Gegnern der Vorwurf, sie habe auf dem Weg zu einer Konferenz - oh Schreck! - Plastikmüll produziert, könne also nicht glaubwürdig für eine Politik gegen den Klimawandel eintreten. Woher auch immer dieser Zusammenhang konstruiert wird: Er begeht genau den Fehler, den das gleiche Klientel den GRÜNEN nicht zu Unrecht vorwirft, wenn es seine Schnitzel bedroht glaubt. Wer für gesellschaftlichen Wandel eintreten will, muss erst einmal höchstselbst Jesus werden. Mit dieser Anforderung wird es keinen gesellschaftlichen Wandel geben. 

Die Überlebensfrage

Nun werde ich an dieser Stelle keine Beweisführung für die Existenz des menschgemachten Klimawandels antreten. Wer davon ebensowenig versteht wie ich bis vor Kurzem, oder einfach nur die eigenen Argumente wissenschaftlich fundiert schärfen will, dem sei die englischsprachige Video-Reihe von potholer54 empfohlen. Wer nicht dran glauben will, egal wie erdrückend die Beweislast ist, sollte sich mal fragen, warum eigentlich. Während völlig nachvollziehbar ist, dass niemand von uns auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse verzichten will, löst sich das Problem nicht, indem man es leugnet. Statt über das "ob" des Klimawandels, sollten diejenigen, die sich in ihrer Mobilität, ihrem Essen, ihrer Freizeitgestaltung bedroht fühlen, lieber über das "wie" der Lösung reden. Denn die Folgen des Klimawandels sind die deutlich ärgere Bedrohung für unseren Lebensstandard als eine sozialverträgliche Lösung des Problems. 

Der Klimawandel hat das Potential menschliche Zivilisation in ein dunkles Zeitalter zurückzuwerfen, aus dem sie sich vielleicht nicht erholen kann. Mal abgesehen davon, dass fossile Brennstoffe ohnehin endlich sind und nicht so schnell nachwachsen, wie wir sie verbrauchen, die Menschheit also früher oder später umstellen muss: Der Klimawandel entzieht bereits jetzt Menschen die Lebensgrundlage, er wird das Leben vieler weiterer deutlich unangenehmer machen und globale Konflikte verschärfen, wenn Nationalstaaten in einer anhaltenden Krise namens Kapitalismus um die Ressourcen eines unwirtlicher werdenden Planeten konkurrieren. Wer den Fluchtursachen den Herzstecker ziehen will, muss beim CO2 anfangen. Statt zur Sonne zu beten, sie möge weniger strahlen. Den Gefallen hat sie uns schon getan. Dabei ist das alles noch die nette Variante, sollte das 2°-Ziel zu halten sein, worauf der weiterhin steigende Trend globaler CO2-Emissionen keine Hoffnung macht.

Die Wohlfühlfrage

Natürlich gibt es diejenigen, die tatsächlich glauben, der Klimawandel ließe sich dadurch verhindern, dass man oft genug in facebook-Kommentarspalten Menschen vorwirft, sich nicht vegan zu ernähren.

Was aber passiert, wenn die Verantwortung für den CO2-Ausstoß der Privatwirtschaft und dem Verbraucher übertragen wird, konnte man beim Diesel-Skandal beobachten: Der Verbraucher hat nicht nur keine Kontrolle darüber, ob (in Herstellung, Nutzung und Verbrauch) klimafreundliche Produkte überhaupt erforscht und dann auch noch in massentauglicher Form angeboten werden. Er hat keine reale Möglichkeit, die Klimafreundlichkeit erworbener Produkte zu überprüfen. Selbst wenn sich herausstellt, dass systematischer Betrug stattgefunden hat, hat er nicht nur keinen Anspruch auf Entschädigung – es ist ihm ja kein Schaden entstanden, sondern dem Klima – die Auto-Industrie soll auch noch mit einem Konjunkturprogramm an Neuanschaffungen belohnt werden. Währenddessen drohen für geprellte Kunden Fahrverbote in deutschen Innenstädten. Zu Recht fühlen sich nicht nur jene, die am unteren Ende der Einkommensspanne stehen, um ihre mühevoll zusammengesparte, das heißt im Zweifelsfall zu schlechten Bedingungen erarbeitete Mobilität in Form ihres Kleinwagens betrogen. 

Noch schlimmer sieht es beim Strom aus: Wer keinen ökologischen Stromanbieter vorfindet, kann sich noch so sehr wünschen, es würden mehr Windräder gebaut. Es wird trotzdem nicht passieren. Auch wird durch bewussten Konsum kein einziges Kohlekraftwerk abgeschaltet, solange es insbesondere industrielle Stromabnehmer gibt, die auf den Preis achten müssen, um gegen ihre Konkurrenten bestehen zu können. Während man sich vielleicht noch einreden kann, mit genug von der Industrie selbst verliehenen und kontrollierten Ökosiegeln solche "kurzfristigen" Erwägungen vielleicht durch eine konsumkritische Massenbewegung beeinflussen zu können - wohlgemerkt nicht steuern - unterstehen langfristige Erwägungen wie die Forschung an Notwendigkeiten des ökologischen Umbaus, etwa Speichertechnologien zum Ausgleich der Wechselhaftigkeit erneuerbarer Energien, dem Vorbehalt der Profitmaximierung, der sie nicht dienlich sind.

Aber das mit der konsumkritischen Massenbewegung hat ohnehin einen viel größeren Haken: Es wird sie nicht geben. Die Leute werden nicht plötzlich aus purem Idealismus darauf verzichten, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Darauf haben sie ja auch durchaus ein Anrecht und das Ziel linker Politik sollte sein, ihnen die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu ermöglichen, nicht zu verwehren. Die auf Veränderung des Konsumverhaltens gerichtete ökologische Belehrung dagegen ist Wohlfühlpolitik, die nur der moralischen Selbstüberhöhung nutzt, nicht der Sache. Dieser Ansatz will den Menschen verändern, aber nicht seine Umstände. Und bietet ihm dafür nicht mehr Hilfe an als den erhobenen moralischen Zeigefinger. Wir können natürlich Predigten halten und zum lieben Gott beten, dass sich der Mensch doch bessern möge. Aber das scheint mir ein ebensowenig vielversprechender Ansatz, wie den Klimawandel einfach wegzuleugnen, wenn nicht direkt in die Verantwortung des HERRN zu stellen, oder auf die Erfüllung freiwilliger Selbstverpflichtungen der Autoindustrie zu vertrauen.

Die soziale Frage

Selbst wenn ein individualistischer Ansatz, der darauf aufbaut, die Welt an der Supermarktkasse retten zu können, praktisch möglich wäre und nicht auf einem grundlegenden Missverständnis unserer Wirtschaftsweise basierte. Selbst wenn Menschen, die acht und mehr Stunden am Tag arbeiten gehen, um sich und ihre Familie über die Runden zu bekommen, selbst wenn diese Leute die bloße Zeit hätten, sich intensiv damit auseinanderzusetzen, welche Ökosiegel was bedeuten, welche überhaupt etwas wert sind, welche kontrollierbar sind und wie viele davon jedes Produkt in welcher Kombination braucht, um ein gutes Gewissen zu erkaufen. Selbst wenn eine nennenswerte Zahl an Leuten unter kapitalistischen Bedingungen Zeit und Kraft hätte, nicht nur über die klamme Ressource Geld, sondern auch über den ökologischen Fußabdruck der wenigen schönen Dinge in ihrem Leben genau Buch zu führen: Ein individualistischer Ansatz ignoriert, dass große Teile der Bevölkerung zur Reduktion ihres CO2-Ausstoßes nicht die Wahl haben, ein E-Auto statt einer Dreckschleuder zu fahren und sich nicht bloß aus Ignoranz oder Bösartigkeit dagegen entscheiden. Solange auf dem Dorf kein Bus fährt, können sie ihren Kleinwagen aus den 90ern nur gegen keinerlei Mobilität eintauschen. Andere aufs Busfahren zu verweisen - das aus mir unerklärlichen Gründen im Gegensatz zu Regional- und Straßenbahnen ohnehin eine menschenunwürdige Angelegenheit ist - während man selbst nur eine Form der Mobilität gegen eine andere tauscht, ist eine ignorante Position: Eine von oben herab. Verzicht ist einfach für diejenigen, die danach nicht weniger haben.

Wer zu Recht alle Benziner und alle Diesel ersetzen will, muss dafür sorgen, dass die ohnehin schon eingeschränkte Mobilität der unteren Einkommen wenigstens erhalten bleibt, im Idealfall noch anwächst: Zum Beispiel, indem der fahrscheinlose ÖPNV aufs Land kommt und Schienen in jedes Kuhkaff verlegt werden - die Steuermittel werden wir aus RWE schon herausbekommen! Wer zu Recht verlangt, dass sich diese Gesellschaft verändert, muss denen, die sie nicht haben, überhaupt erst die Möglichkeit dazu geben, ohne auf grundlegende menschliche Bedürfnisse wie leckeres Essen und Mobilität verzichten zu müssen. Und eine Industrie zwingen, die sich sonst weigert. Selbst aus einer staatstragenden Perspektive spricht einiges dafür, Unternehmen wie VW zur Umstellung auf weniger fossile Antriebe zu zwingen. Per Gesetz. Wenn Benziner und Diesel hoffentlich früher als später nicht mehr neu zugelassen werden - mit Ansage versteht sich - hätte ich jedenfalls nichts dagegen, wenn die nicht-fossil angetriebenen Kraftfahrzeuge nicht von Elon Musk gekauft werden müssten, der wahllos Leute auf twitter beschimpft, sondern von einem Unternehmen, das zu 20% dem Land Niedersachsen gehört. Vielleicht ließe sich der Staatsanteil sogar noch erhöhen, indem die Entschädigung für die Klimaschäden als Aktienanteile an die Bundesrepublik ausgezahlt würden.

Wer zurecht fordert, dass Alltagsprodukte durch (in Produktion oder Verbrauch) klimafreundlichere Alternativen ersetzt werden, Plaste- durch Stofftüten, Fleischprodukte durch vegane Schnitzel oder im Labor angebaute Leberwurst, wird nicht nur dafür sorgen müssen, dass das Angebot dieser Alternativen gesellschaftlich organisiert wird und den klimaschädlichen Varianten der Zugang zum Markt verwehrt wird, statt bloß auf die Impulskontrolle asketischer Verbraucher zu hoffen: Sondern auch dafür, dass sich das jeder Hartz-IV- oder Grundeinkommensempfänger, jeder Azubi, jeder Mindestlöhner und jeder Mittelschichtler leisten kann: Gerne auf Kosten derjenigen, die dann einen Privatjet rausrücken und ihre Geschäftsreisen mit der Bahn antreten müssen oder  eine Villa weniger heizen und ein paar Millionen Euro weniger in die Karibik in den Urlaub schicken können. Deren Lebensfreude wird dadurch nicht einmal reduziert. Bahnfahren macht Spaß und man muss nicht einmal in den Flugmodus.

Die Gretchenfrage

Aber zurück zu Greta Thunberg, ich bitte die Überschrift zu entschuldigen. Couldn't walk away from a bad joke. Dort scheint es ein grundsätzliches Missverständnis zu geben:

Thunberg wendet sich nicht zufällig an die UN und das Wirtschaftsforum in Davos. In ihren Reden, die es sich durchaus lohnt, mal vollständig zur Kenntnis zu nehmen, prangert sie an, dass mit CO2-Emissionen auf Kosten der Zukunft der Menschheit Wohlstand für einige Wenige erwirtschaftet wird und sich die Politik weigert, zu handeln. Während ich diese „einige Wenige“-Rhetorik aus grundsätzlichen Erwägungen nicht teile, sind wir uns in einer Sache wohl einig: Es braucht gesellschaftliche Ansätze, um den Klimawandel zu verhindern. Und es braucht dafür vielleicht eine grundhaft andere Wirtschaftsweise, als die bestehende, die auf Konkurrenz zwischen Nationalstaaten, Unternehmen und Individuen ausgelegt ist, für die Klimaschädlichkeit im Zweifel ein Wettbewerbsvorteil ist, der - wie im Falle von VW - eher belohnt, als bestraft wird. Wenn Thunberg beklagt, dass die Erwachsenen das Problem nicht ernstnehmen, hat sie Recht. Das Problem ist aber nicht, dass "die Großen" zu wenige E-Autos und vegane Schnitzel kaufen, sondern immernoch nicht genug Druck auf Politiker ausüben, die nicht bereit sind, die notwendigen politischen, gesellschaftlichen Maßnahmen zu treffen. Einen Vorwurf, den man Greta Thunberg nicht machen kann.

Wo sie ansonsten Panik fordert, hat sie ebenfalls Recht: Statt die Privatwirtschaft mit Anreizen hie und da vor sich hintröpfeln und neue Betrugsmechanismen austüfteln zu lassen, braucht es langsam aber sicher ein entschiedenes, gesellschaftlich organisiertes Vorgehen für eine menschengerechte Wirtschaftsweise.

Aber das wäre ja Sozialismus.


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